„In the middle of nowhere“
Der Tag der Reise ins Nirgendwo konnte starten. Die Entscheidung getroffen, der Bus gebucht. Trotz noch vorhandener Bedenken unserer Eltern, haben wir die Entscheidung gefällt uns auf die ca. 25 Stunden- Reise zu begeben.
Wieder mal schmierten wir uns die Stullen für die lange Busfahrt, die wir mit dem Greyhound- Bus machen wollten, da kein anderer Bus in diese Richtung fahren würde. Die erste Tour sollte ca. 20 Stunden dauern und daher waren Baguette- Brote mit Avocado und Nutella, natürlich getrennt von einander, das Non- Plus- Ultra.
Da der Bus um 4 pm vom Transit- Center aus losfahren würde, verbrachten wir den Vormittag noch ein letztes Mal mit Sandro und Betty, sowie Andrea, einer ebenfalls im Hostel wohnenden Deutschen in einer der Grünanlagen Brisbanes.
Zusammengefasst kann man bis hierher übrigens sagen, dass wir von der Stadt und Umgebung noch nicht so viel gesehen haben, aber uns sollte es schon nach einigen Wochen hierher zurückführen und wir könnten alles „Verpasste“ nachholen.
Wie die Ölsardinen in der Dose lagen wir drei Mädels mit hochgeklapptem Oberteil auf der Wiese, zwischen dickstämmigen Bäumen und Menschen die ihre Mittagspause mit einem Kaffee genießen wollten.
Wir warteten auf Sandro, der auch schon bald barfuss auf uns zu schlich. Mit leicht nasaler Stimme und schläfrigem Blick hauchte er uns ein „Peace“ entgegen und umarmte den Baum. Es war offensichtlich dass er in diesem Moment all die Hippies und alternativen Leute verarschte, aber uns erschien dies sehr lustig und so starteten wir eine kleine „Öko-Session“.
Nach dem Herumgealber mussten Frauke und ich uns aber so langsam auf machen und so bestellten wir den Shuttle- Bus, der uns vom Hostel zum Transit Center fahren sollte.
Es war eine durchaus lustige Fahrt bis hin zum Abfahrtort, denn der hosteleigene Fahrer bretterte zum Song „Elevator“ von Flo Rida und Timbaland mal so richtig um die Kurven. Einen nach dem anderen haben wir an den Ampeln abgezogen. Wie überflüssiges Gepäck flogen Frauke und ich, in dem alten Van, von einer Ecke in die andere, trotz Anschnallgurt.
Ausgesetzt am Zielort schlenderten wir mit unserem Gepäck zum Eincheckpoint der Greyhound- Stelle und ernteten kleine Lacher als wir an einigen Leuten vorbeizogen. Grund dafür war zugegebenermaßen mein auf den Backpack geschnallter Polarbär, dem ich allerdings eine Kopfkissen- Funktion zuwies und der nicht als Kuscheltier gedacht war. Vielleicht sah das Ganze ein wenig lächerlich aus, aber es war ein Abschiedsgeschenk meiner Geschwister.
Vorerst war das Kapitel Brisbane abgehakt und ein neues sollte folgen, nämlich das der ersten richtigen Arbeitsphase.
Die Busfahrt sollte lang und beschwerlich werden, dennoch freuten wir uns ein wenig und das nicht nur weil wir den Busfahrer, der uns auch schon nach Byron Bay fuhr, wiedererkannten.
Nach der Standartrede des Busfahrers eröffnete mir Frauke noch etwas, dass ihr Vater ihr mit auf den Weg gegeben hat. Und zwar sagte dieser, dass der Bus höchstwahrscheinlich für Kängurus und Aborigines keinen Halt machen würde.
Die Begründung für das „Nicht-bremsen“ bei Kängurus lag darin, dass diese im Outback als Pest angesehen werden, weil es davon eben so viele gibt und nicht für jedes einzelne Tier gebremst werden könne.
Der Grund jedoch warum nicht für Australiens Ureinwohner gehalten werden könne, war weil diese angeblich in solchen Situationen den Bus überfallen und die Passagiere ausrauben würden.
Beides klang in meinen Ohren nicht gerade nach etwas was unbedingt erlebt werden muss. Doch die großen Stoßstangen vor der Motorhaube des Busses, der sowie so schon ziemlich rüstig aussah sprachen wohl für sich. Wir würden also alles umholzen was uns im Weg stehen würde, nicht schlecht.
Zwar hatte ich im Bus mal wieder einen Fensterplatz, doch diesmal lag dieser nicht am Notausstieg, also erneute Angst meine Haare würden nachts einfrieren brauchte ich nicht mehr zu haben. Grund für meinen Fensterplatz, war übrigens der Lulatsch Frauke, denn der ist es durch ihre Körpergröße von 1, 80 m einfach nicht vergönnt einen Platz am Fenster einzunehmen.
Ich beschloss erst einmal ein kurzes Schäfchen einzunehmen, doch als ich aufwachte überraschte mich, ein neben dem Bus springendes, Känguru. Erstaunlicher Weise und ungelogen lief gerade zu dieser Zeit in einem MP3- Player das Lied, welches Australien so schön darstellt „Down Under“ von ´Men at work`.
Es war wie in einem Film: Ewig lange Steppe, vereinzelte Büsche und orange- rot farbener Himmel. Tatsächlich schliefen alle Passagiere im Bus, inklusive Frauke und bekamen das atemberaubende Spektakel nicht mit.
Mittlerweile habe ich auch schon den ersten Vogelstrauß gesehen und war total begeistert von der Gegend, obwohl es in dieser Umgebung wirklich stundenlang nichts gab außer Wüste und vereinzelte Steine oder Büsche.
Nach und nach leerte sich der Bus und die übrig gebliebenen Passagiere wunderten sich immer mehr, was zwei so junge Mädchen nach Longreach verschlagen haben könnte.
In dem Moment als wir an einer Tankstelle Halt machten, fragten wir uns genau das allerdings auch, denn bis auf den Tankwart und den wohl ekelerregensten Kaffee der Welt habe ich dort nichts aber auch gar nichts Anregendes sehen können.
Okay, okay, bis auf den Kaktus, dem ich geschlagene zehn Minuten meiner Aufmerksamkeit schenkte.
Zu gerne hätte ich ganz viele Bilder von allem gemacht, doch mein Fotoapparat lag in den Tiefen meiner Tasche begraben und Frauke hätte mich bei der Frage nach ihrem Fotoapparat wohl gekillt. Alle waren nur noch müde und erschöpft bis genervt von der Fahrerei, ich hingegen war voll in meinem Element. Bei Frauke rührte die Trägheit allerdings von den Schlaftabletten her, sie taumelte nur noch und hatte ganz glasige Augen. Wenigstens hat sie so ein bisschen Schlaf finden können, denn das war etwas was mir bisher immer ohne Probleme in den Hostels ermöglicht wurde. Frauke allerdings hatte damit zu kämpfen, aufgrund diverser Lärmfaktoren, wie unter anderem die Putzfrauen, das Housekeeping- Personal oder die anderen Zimmergenossen.
Über 35 Grad Celsius, die Luft war trocken. Wir fühlten uns matschig und rochen mittlerweile auch nicht mehr so gut. Anhaltspunkte hatten wir natürlich kaum. Das einzige was wir wussten, war das uns jemand von der Zielstelle in Longreach abholen sollte. Mit demjenigen sollten wir dann wohl noch weitere fünf Stunden nach Windorah fahren, dem Ort in dem der Country Pub stehen würde.
Was wir hatten war die Nummer von Christin*, der Besitzerin des Pubs, und eine Uhrzeit von 12 pm, um die wir abgeholt werden sollten.
Da standen wir nun, wie bestellt und nicht abgeholt. Zwei Mädels, vier Taschen und ein dickes Fragezeichen über dem Kopf.
Geduldig setzten wir uns auf eine Bank, die in der Nähe des Ankunftsortes stand und hofften bei jedem vorbeilaufenden Menschen, dass dieser derjenige wäre der uns zum Pub fahren würde. Wir warteten und warteten und warteten….
Fünfundvierzig Minuten und etliche in der Sonne verdunste Schweißtrofpen später rief ich wütend in dem Pub an und fragte nach dem vermeidlichen Fahrer. Man sagte uns, dass Mittagspause sei und Hochbetrieb, man könne uns erst später abholen. Genauere Angaben folgten erst bei mehrmaligem Nachhaken meinerseits. Letztlich erfuhren wir, dass uns wohl ein Mann abholen würde, der irgendwann nach dem Mittagessen vorbei kommen würde.
Also mein Leben muss sich echt für verdammt witzig halten, denn anders konnte ich mir diese ganzen missgünstigen Lagen in die wir immer wieder, fast schon automatisch, rein gerieten nicht erklären.
Nach zwei weiteren Stunden des Wartens konnte so ziemlich jeder Mann unser potentieller Fahrer sein. Wir kannten ihn nicht, er uns nicht. Geil!
Währenddessen Frauke allmählich Angst bekam, weil die Sache immer unprofessioneller wurde, machte ich meine Witze und stellte mich auf das Schlimmste, sprich einen alten notgeilen Cowboy mit Gammelzähnen, der uns unmoralische Angebote während der Fahrt machen würde, ein.
Zu guter Letzt, kam jedoch ein harmlos aussehender Mann mit Bart, der uns nett in sein Auto einlud und sich für die Verspätung entschuldigte. Selbstverständlich musste ich vorn sitzen und durfte mich mit J.B, so sein Kosenamen (den übrigens diesmal nicht wir auswählten), nett unterhalten.
In dem Gespräch drehte es sich um unser bisher erlebtes Abenteuer und unseren Eindruck vom fremden Kontinent. J.B erzählte uns, dass er selbst Enkel in unserem Alter hatte und wir vorsichtig sein sollten beim Reisen und vor allem sollten wir nie per Anhalter fahren oder ohne ausreichend Wasser in der Wüster herumwandern.
J. B erweckte bei mir den Eindruck eines besorgten Großvaters, der sich stets für alles verantwortlich machte. Übel nahm ich ihm allerdings, dass auch er sich über den Polarbären von mir lustig machte, indem er nämlich fragte ob ich viel Heimweh habe.
Heimweh- Klar, habe ich hin und wieder das Bedürfnis mich in meiner Sofaecke zu Hause einzukuscheln oder mich mit meinen Freunden zu treffen, aber Heimweh weil ich ein Kopfkissen mit mir herumgetragen habe, welches zufällig aussah wie ein Bär? Nein, das war nun wirklich nicht mein Stil.
Frauke hielt übrigens ein kleines Schäfchen, während ich nach etlichen Ruhephasen das Gespräch immer wiederaufnehmen musste, ans Schlafen war also nicht zu denken.

New South Wales
Outback

