Als hätten wir die Wahl?!
Der folgende Arbeitstag sollte um zehn Uhr starten, demnach duschten wir uns vorher und zogen dann gemeinsam zum Frühstück, in den Pub, los. Während Frauke sich am frühen Morgen schon perverser Weise ein Fischbrötchen reinzog, blieb ich bei Kelloggs mit Milch. Etwas anderes konnte ich hier einfach nicht essen. Dafür gab es den weltbesten Kaffee aus einer Maschine, die ich vorher aus Sicherheitsmaßnahmen selbst gereinigt habe.
Man sollte allerdings auch nicht allem und jedem misstrauen.
Nach zwei Bissen, verließ Frauke jedoch der Appetit und das heimliche Verschwindenlassen ihres Brötchens im Mülleimer hat nicht funktioniert. Zwar haben wir raffiniert mit Schmierestehen versucht dies unauffällig zu meistern, aber ein Blick des Koches in den Müll genügte und wir mussten uns rechtfertigen.
Es folgte ein kurzes Gespräch der Offenbarung.
Da ich mich damit immer sehr schwer tat und mir auch irgendwie alles nicht eingestehen wollte, war ich diesmal diejenige die mit den Tränen zu kämpfen hatte. Verzweiflung und Wut kamen auf. Frauke fand es im ersten Moment sehr komisch und grinste ein wenig, erkannte dennoch den Ernst der Lage. Der Koch schien das ganz locker zu sehen und erzählte uns etwas von seinen Anfängen hier, denn er war bereits drei Monate Arbeitskraft im Pub.
Der sehr schmächtig aussehende Amerikaner erzählte uns er sei Vegetarier und da die meisten Menschen auf dem Land, beziehungsweise im Buschland, hauptsächlich Fleisch essen und als Beilage Fleisch und zum Nachtisch ebenfalls Fleisch, kam es wozu es kommen musste. Der Ami probierte auch ein wenig von dem Fleisch und erlag den nächsten Tagen seinen Schmerzen, die durch übelste Verstopfungen ausgelöst wurden.
Fraukes und mein Kinn vibrierten geradezu, weil wir unser Lachen zurückhalten mussten. Doch die Lage war ernst, sogar so ernst dass der „Flying Doctor“ gerufen werden musste, zu der besagten Zeit. Da es im Outback, keine Ärzte gibt, die mal eben so um die Ecke wohnen, musste einer eingeflogen werden und der Amerikaner musste nach knapp zwei Wochen ohne Stuhlgang käseweiß und zitternd eingeflogen werden. Lediglich zwei Tage lag er im Krankenhaus, bis er wieder zur Arbeit antrat.
Hut ab!
Wie gesagt, ich blieb bei den Kelloggs, zumal ich viel zu oft bei der Zubereitung des Essens zusehen musste und mir das Entfernen schlecht gewordener Salatblätter auf den Tellern der Gäste nicht zusagte.
Weil gerade nicht viel los war und wir warten mussten bis die Waschmaschine durchgelaufen ist, um die Wasche draußen aufzuhängen, liefen wir zurück zum Haus des „Einzahnigen Henkers“, denn dieser sollte arbeiten.
In dem Begrüßungsgespräch bei unserer Anreise bekamen wir nämlich raus, dass dieser als Gärtner arbeitete. Im Outback? Hallo?
Doch auch hier gab es aufgrund der ständigen Bewässerung vereinzelte Grünflächen und auch den ein oder anderen Baum. Der „Einzahnige Henker“ fungierte dennoch, glaube ich, eher als „Mädchen für alles“.
Wir liefen also zum Haus, weil wir ein wenig neugierig waren warum so viele Bilder im Haus hingen und wo überhaupt die Hunde steckten, denn das Futter war überall zu finden, nur Hunde hatten wir noch nie gesehen. Wie zwei kleine Detektive drangen wir ins Haus ein und schritten, allerdings mit schlechtem Gewissen, von Raum zu Raum fort.
Schließlich waren wir in die Privatsphäre des Mannes der uns beherbergte eingedrungen. Aber wir mussten tun, was wir eben tun mussten.
Das Haus hatte so einige Zimmer, eines von denen war sogar ein voll möbliertes Kinderzimmer, welches komplett in rosa gehalten war. Des Weiteren gab es ein zweites, sehr viel reinlicheres Badezimmer und ein Zimmer, indem ein Ehebett stand.
Lustiger Weise fanden Frauke und ich auch die Spraydose, mit der sich der „Einzahnige Henker“ jeden Morgen eindieselte. Wir dachten es würde sich dabei um Parfum oder Deo handeln. Pustekuchen. Es war Muckenspray, aber gut riechendes.
Fakt war jedenfalls, dass wir noch nie gesehen haben, dass sich der „Henker“ geduscht hat.
Im weiteren Verlauf unserer Schnüffeltour taten wir etwas auf, was wir besser nicht hätten finden sollen. Pornos.
Nicht irgendwelche Pornos, nein. Es waren Pornos auf denen verdammt unansehnliche Frauen in Bundeswehrbekleidung auf toten Tieren posierten.
Ach man, warum eigentlich immer wir? Aber wir blätterten das Magazin auch nur bis zur Hälfte durch, denn eigentlich wollten wir in dem Schrank nur nach DVD´s gucken. Eigentlich!
An diesem Tag arbeiteten wir noch ganz normal weiter, bis wir am Abend mit 11pm, doch recht früh zum Ende kamen. Ein Telefonat nach Hause war längst überfällig.
Weil unsere Handys keinen Empfang hatten und wir nicht so lange nach Deutschland telefonieren durften uns schon gar nicht vor Kunden, griffen wir uns ein Telefon, verbarrikadierten uns in der Küche und riefen nacheinander unsere Eltern an.
Eine halbe, verzweifelte Stunde später haben wir alles uns wichtig erscheinende, in Kurzversion versteht sich, unseren Eltern mitgeteilt.
Währenddessen Fraukes Eltern ihr gegenüber Sorgen und Ängste aussprachen und Frauke dazu geraten haben sich vom Acker zu machen, haben meine Familienangehörigen meine verkehre Lage als sehr amüsant empfunden und mir den glorreichen Rat gegeben, dass ich doch alt genug sei selbst zu entscheiden, was „das Richtige“ für mich sei. Recht hatten sie.
Für Frauke stand der Entschluss auch schon lange fest, ich konnte mich jedoch nicht so schnell damit abfinden einen geldbringenden Job aufzugeben oder mir ein „Versagen“ einzugestehen.
Frauke war das alles zu viel und sie war der Arbeit im Pub hinter dem Tresen nicht fähig, so sagte sie. Ich meine geil, ist nun wirklich was anderes, aber von nichts kommt nichts. Wir waren jedoch immer noch zu zweit und mussten somit mittels einer argumentativen Diskussion ´Pro und Contra` herausstellen.
Ganz wohl war mir bei der Sache nicht, aber die zwei Arbeitstage waren dann wohl für das Erste die Steigerung der zwei anfänglichen Arbeitsstunden in Sydney.

New South Wales
Outback


