Australien Farm
Totales Neuland
Halb sechs- Der Wecker klingelt.
Das Aufstehen fiel uns allerdings leicht, da wir gespannt waren was der Tag bringen würde.
Eine Farm, Tiere, Pflanzen und einen Haushalt den wir zu versorgen hatten.
Aber mit knapp 20 Jahren sollte dass doch wohl nicht zu viel verlangt sein, oder?
Die rhetorische Frage von eben wird sich im weiteren Verlauf schnell klären. Zunächst sollte jedoch erst einmal alles glatt laufen.
Nach der Morgendusche, die nicht fehlen durfte, liefen wir in die Küche um den Männern ein Frühstück zu zaubern, doch alles was wir fanden waren Toastbrotreste. Original die Puperzen, sprich die ersten und letzten Scheiben, und Fleischreste waren noch aufzufinden.
Der, dem Weihnachtsmann ähnelnde, Mann kam kurz in die Küche um uns aufzuklären, dass die anderen sich bereits ein „Barbie to go“ gemacht haben.
Um das Mysterium eben aufzuklären: Ein „Barbie to go“ ist eine alte Toaststulle mit Grillfleisch drauf. Die Abkürzung Barbie stammt demnach von Barbecue.
Gut! Um die morgendliche Versorgung der Cowboys mussten wir uns schon mal nicht mehr kümmern, denn so wie an diesem Tag sollte es immer ablaufen. Lediglich die Fütterung der Tiere sollten wir vollziehen.
Mit einer zwei zu eins, Pulver-Wasser- Mischung fütterten wir die Kälber.
Was sich hier so lässig anhört, war eine Heidenarbeit. Denn die Kälber kommen nicht etwa mit hungrigen kleinen Mäulern auf einen zu, sondern rennen scheu wie sie waren die ganze Zeit vor einem davon.
Der erste Anlauf wurde von dem Weihnachtsmannähnlichen gestartet. Beim zweiten Versuch musste ich allerdings herhalten. Nachdem ich mir dann vorab erstmal mein halbes Bein, beim in den Stall klettern, am rostigen Zaun aufgeschnitten hatte, hinkte ich zu dem Kalb, in der Hoffnung gutes Zureden à la „Kuhflüsterer“ würden ziehen.
Doch weit gefehlt, sowohl Kulleraugen als auch mein „Standart-Hundeblick“ nützten bei dem bockigen Kalb rein gar nichts.
Frauke hatte die Flasche mit der lauwarmen Milch in der Hand, während ich nun mittlerweile wie ein aufgescheuchtes Huhn im Stall herumrannte. Fraukes Versuche die Fütterung durchzuziehen scheiterten allerdings ähnlich wie meine und am Ende musste der Weihnachtsmannähnliche wieder herhalten.
Tja, Übung macht den Meister.
Den Rest der Fütterungstour sollten wir allerdings allein starten und so taperten Frauke und ich weiter zu den Hühnern.
Um ehrlich zu sein fühlten wir uns im Hühnerstall angekommen, ein bisschen wie in der Reality- Show von Paris Hilton und Nicole Richie.
Da standen wir nun, mit manikürten Nägeln und Badelatschen, im Dreck und Gestank der Hühner, die vereinzelt nach unseren Fingern schnappten, als wir ihnen ihre Eier abziehen wollten. Noch schnell wässern und Futter verstreuen und weiter zu den Schweinen.
Debby sagte wir können diese, doch recht zutraulichen, Tiere ruhig kraueln, da sie dies besonders mögen würden. Doch bei dem Anblick der alten Rinderknochen im Schweinekäfig verging uns jegliche Absicht mit diesen Tieren auch nur irgendwie in Berührung zu kommen.
Alte Eier, andere Essensreste und Trockenfutter waren hier angesagt und ebenfalls wichtig das Wässern des Stalles.
Die nächste Station waren die Hunde. Die verspielten Labradore, die wir kurz frei auf dem Hof umherlaufen ließen, folgten uns schnell zur Futterstelle und verschlangen gierig das Trockenfutter. Eine kurze Spielrunde und ein kühles Bad für die Hunde im Billabong (Fluss) nebenan und wir schlossen sie wieder zurück in ihr Gehege. Denn nun sollten noch die Pflanzen im Gewächshaus gegossen werden und der Rasen musste zweimal täglich gesprengt werden.
In dem kleinen Gewächshaus befand sich von Salatköpfen bis zu nach Salz schmeckenden Radieschen alles was das Farmerherz begehrte.
Nun musste nur noch die Katze gefüttert werden, welches nicht das Problem sein sollte, da diese mit einer Schale Katzenfutter voll zufrieden schien. Es folgten die Vögel.
Um die Papageien zu füttern, mussten wir aus dem außen befindlichen Kühlhaus, zwei Äpfel holen.
Der Haken? Das Kühlhaus!
Zwar haben wir das etwas größere, begehbare Kühlhaus schon gesichtet, es aber noch nicht betreten. Neben den Äpfeln, sollten wir noch einen ebenfalls im Kühlhaus befindlichen Silbertopf zum Kochen für das Mittagessen holen.
Die Tür war verriegelt, nach dem Öffnen bog ich als Erste um die Ecke in den dunklen Riesenkühlschrank, um das Licht anzuknipsen.
Mir strich dabei, fast schon zärtlich, etwas über den Rücken.
Nachdem ich dann auch endlich mal den Schalter entdeckt habe, sah ich das Unglück auch schon. Was mir da so leicht über das linke Schulterblatt strich, war ein am Haken hängender Rinderschwanz.
Von Oberschenkeln, bis hin zu Schwänzen, Bauchstücken und Rückenteilen war hier alles aufzufinden. Blut tropfte, wie in einem schlechten Horrorfilm auf mein weißes Oberteil und den angewiderten Blick sind wir auch die nächsten fünf Minuten nicht mehr losgeworden.
Es war selbstverständlich das Natürlichste der Welt, Fleisch zu kühlen. Dass dies nicht aus dem Supermarkt kommt, sondern hier im Outback direkt aus dem Stall, war uns auch klar, doch der erste Kontakt mit den leblos im Kühlschlank hängenden Tieren animierte uns dazu vorzugeben wir seinen Vegetarier.
Noch vor einigen Minuten haben wir den Kälbern, die wir füttern sollten, Namen gegeben und nun hingen hier tatsächlich die Rinder einfach so kopfüber und mausetot.
Mit den beiden Äpfeln in der Hand und den Worten: „Frauke ich habe mir gerade den Kopf an einem Bauchstück angeditscht!“, verabschiedeten wir uns aus dem Kühlhaus und schnitten in der Küche die Äpfel in kleine Stücke.
Den großen Topf musste Frauke schleppen.
Erst als wir in der Küche angekommen sind, haben wir unter Beaufsichtigung von Rodger den Deckel gehoben und das Geheimnis um den Inhalt des Topfes gelüftet. Rodger war deshalb dabei, weil er mit uns über die Zubereitung des Mittagessens sprechen wollte.
Und geben sollte es den Inhalt des Topfes: Tatataaa; Rinderzunge!
Bereits gekochte Rinderzunge, die nur darauf wartete von mir abgezogen zu werden befand sich nun in meinen Händen. Noch nie zuvor habe ich eine so große Zunge gesehen, das Ekelgefühl habe ich glücklicherweise in dem Außenkühlhaus gelassen, daher machte ich mich nach der Fütterung der Tiere und der Wässerung des Gartens mit Frauke an die Arbeit das Mittagessen vorzubereiten.
Da die Mega- Zunge allerdings noch nicht bereit war von uns geschält zu werden, ließen wir sie noch eine zeitlang köcheln und machen uns derweil einen Kaffee.
Rodger erzählte uns von noch einer weiteren Aufgabe die wir erledigen sollten und zwar handelte es sich dabei um das Wenden des „Scheißhaufens“, wie wir ihn nannten.
„Scheißhaufenwender“, das waren wir nun.
Gerüstet mit einer Forke und einem zehn Liter Wassereimer, der uns auf dem Weg zum Misthaufen zu allem Überfluss auch noch zweimal umgekippt war, machten wir uns an das Wenden der Biomüllreste, des Rinderausschieds und des Heus.
´Wenden, gießen, wenden, gießen`.
So sah die nächsten zwei Stunden unsere Arbeit aus. Sicher wäre uns das alles auch schneller von der Hand gegangen, aber es war das erste Mal für uns solche eine Arbeit zu verrichten. Außerdem handelte es sich um vier große Misthaufen.
In diesem Moment haben wir wirklich an all unsere Freunde in Deutschland zurückgedacht und uns gefragt wer von denen sich wohl zu fein für so etwas wäre. Langweilige oder typische Jobs als Verkäufer/in in einem Bekleidungsladen konnten mit den Jobs, die wir hier verrichten sollten schon längst nicht mehr mithalten.
Zugegeben, es war auch für uns Neuland, aber wir waren letztlich eine Erfahrung reicher und so besonders schlimm war es nicht alle drei Tage den Scheißhaufen zu wenden.
Was uns besonders aufgefallen ist, gerade wenn man zu lange auf einer Stelle steht im Outback, ist die Penetranz der Fliegen. Diese dreisten Insekten fliegen einem direkt in die Augen, Nasenlöcher und sonstige Bereiche im Gesicht.
Nach getaner Arbeit verzogen wir uns jedoch erst in die Dusche, denn die Aufgabe war doch recht schweißtreibend.
Frisch geduscht und mit neuer Robe, eilten wir zurück in die Küche, um die Kartoffen und Karotten aufzusetzen. Die Zunge war nun auch endlich breit ihre erste Hautschicht durch mein Mitwirken zu verlieren und so schnippelte Frauke das Gemüse, während ich mich dem Fleisch widmete.
In geselliger Runde aßen wir alle zusammen, wobei Frauke und ich uns noch auf die Schnelle ein kleines „Nudel-Meal“ zauberten, da wir immer noch den Schein wahren wollten Vegetarier zu sein.
Noch immer fühlten wir uns ein wenig fremd und mochten uns nicht wirklich an den Gesprächen beteiligen. Kurzer Smalltalk hier, ein wenig Gelächter da und wir konnten den Tisch abräumen nachdem alle aufgegessen haben.
Ein erster Arbeitstag auf der Farm endete somit und wir verabschiedeten uns von allem mit einem Nachtgruß, um schlafen zu gehen.

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